
Unsichtbare Helden: Caregiver - Die Herausforderungen der pflegenden Angehörigen
Pflegende Angehörige, auch als Caregiver bezeichnet, leisten einen unschätzbaren Beitrag für unsere Gesellschaft. Sie übernehmen Verantwortung für hilfsbedürftige Familienmitglieder, sei es aufgrund von Alter, Krankheit oder Behinderung. Trotz dieser wichtigen Rolle stoßen sie auf zahlreiche Herausforderungen – emotional, finanziell und beruflich.
Die unsichtbare Last der Caregiver
Die Pflege eines nahestehenden Menschen kann sowohl eine physische und als auch eine psychische Belastung darstellen. Chronischer Stress, Schlafmangel und das Gefühl der Isolation sind häufige Begleiterscheinungen. Viele Caregiver setzen ihre eigenen Bedürfnisse zurück und riskieren dadurch gesundheitliche Beeinträchtigungen. Studien zeigen, dass pflegende Angehörige ein erhöhtes Risiko für Burnout und Depressionen haben.
Vereinbarkeit von Pflege und Beruf
Die Balance zwischen Pflege und Erwerbstätigkeit zu finden, stellt eine der größten Herausforderungen dar. Viele Caregiver arbeiten in Teilzeit oder geben ihre berufliche Laufbahn ganz auf, um die Pflege zu gewährleisten. Flexible Arbeitsmodelle und Homeoffice-Angebote könnten hier Entlastung schaffen, werden aber noch zu selten angeboten.
Gesetzliche Regelungen wie die Pflegezeit und das Familienpflegezeitgesetz bieten pflegenden Angehörigen zwar Möglichkeiten zur beruflichen Entlastung, sind jedoch oft mit finanziellen Einbußen verbunden. Die Pflegezeit ermöglicht eine bis zu sechsmonatige Freistellung von der Arbeit, allerdings ohne Lohnfortzahlung. Das Familienpflegezeitgesetz erlaubt eine Reduzierung der Arbeitszeit auf bis zu 15 Stunden pro Woche für maximal 24 Monate, bei teilweiser finanzieller Absicherung durch ein zinsloses Darlehen. Diese Regelungen könnten jedoch noch weiter ausgebaut werden, um die finanzielle Unsicherheit für Caregiver zu minimieren.
Auswirkung auf die Rente
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Auswirkung auf die Rente. Wer aufgrund der Pflege seine Arbeitszeit reduziert oder den Beruf ganz aufgibt, riskiert später eine niedrigere Rente, da weniger Beiträge in die Rentenkasse eingezahlt werden. Um dem entgegenzuwirken, können pflegende Angehörige unter bestimmten Voraussetzungen Rentenpunkte von der Pflegekasse erhalten. Voraussetzung ist, dass die Pflege mindestens zehn Stunden pro Woche an mindestens zwei Tagen erbracht wird und der oder die Pflegebedürftige mindestens Pflegegrad 2 hat. Zudem dürfen sie nebenbei nicht mehr als 30 Stunden arbeiten. Die Beiträge zur Rentenversicherung übernimmt dann die Pflegekasse, was sich positiv auf die spätere Rentenhöhe auswirken kann.
Gesellschaftliche Anerkennung und Unterstützung
Pflegende Angehörige leisten tagtäglich wertvolle Arbeit, erhalten dafür aber wenig gesellschaftliche Anerkennung. In der öffentlichen Wahrnehmung dominiert das Bild der professionellen Pflegekräfte, während familiäre Caregiver häufig unsichtbar bleiben. Mehr Wertschätzung, etwa durch finanzielle Anerkennung oder bessere Beratungsangebote, wäre ein wichtiger Schritt zur Unterstützung dieser Gruppe.
Pflegegrad-Einstufung und Pflegeberatung
Ein bedeutender Aspekt ist die Beantragung der Einstufung eines Pflegegrads, da dieser Voraussetzung für finanzielle Unterstützung und professionelle Entlastung durch Pflegedienste ist. Viele pflegende Angehörige fühlen sich jedoch bei diesem Prozess überfordert. Nach dem Paragrafen § 7a SGB XI besteht Anspruch auf eine individuelle Pflegeberatung, die von der Pflegekasse beauftragt wird. Allerdings greift der Paragraf erst, wenn bereits ein Pflegegrad anerkannt wurde. Genau hier liegt die Herausforderung: Viele Angehörige stehen schon lange vor der Einstufung vor enormen Belastungen – sei es durch bürokratische Hürden, fehlende Informationen oder Unsicherheiten beim Antragsverfahren.
Aber auch wenn ein Anspruch auf halbjährliche Pflegeberatung besteht, so ist diese durch die Überlastung der Beratenden oft zeitlich begrenzt. Eine große Entlastung wäre es, wenn eine professionelle Fachkraft umfassend zur Seite stehen würde, um pflegende Angehörige beim Prozess der Pflegegrad-Einstufung zu begleiten. Dies könnte sicherstellen, dass Pflegebedürftige auch wirklich die ihnen zustehenden Leistungen erhalten und die pflegenden Angehörigen so eine spürbare Entlastung im Pflegealltag erfahren.
Auch sollten die Hürden für eine Pflegegrad-Einstufung nicht unnötig hoch sein. Eine frühzeitige Anerkennung würde es ermöglichen, pflegende Angehörige schneller zu entlasten, ihnen Zugang zu dringend benötigten Leistungen zu verschaffen und so die Pflege zu Hause langfristig tragbarer zu machen.
Lösungsansätze und Forderungen
Um die Situation der pflegenden Angehörigen zu verbessern, braucht es gezielte Maßnahmen:
• Bessere finanzielle Absicherung: Eine angemessene Vergütung der Pflegezeit könnte die finanzielle Belastung reduzieren.
• Flexiblere Arbeitsbedingungen: Unternehmen sollten verstärkt flexible Arbeitszeiten und Homeoffice ermöglichen.
• Mehr psychosoziale Unterstützung: Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen können Caregiver emotional entlasten.
• Gesellschaftliche Sensibilisierung: Mehr Aufklärung und Bewusstseinsbildung für die Leistungen pflegender Angehöriger können zu einer größeren gesellschaftlichen Wertschätzung führen.
• Unterstützung bei der Pflegegrad-Einstufung: Der Zugang zu einer frühzeitigen und unkomplizierten Beratung könnte helfen, finanzielle Hilfen schneller und effizienter zu erhalten.
Positive Aspekte der Pflege
Trotz der Herausforderungen gibt es auch positive Aspekte der Pflege: Laut einer aktuellen Studie des Forschungsteams des Universitätsklinikums Erlangen und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) geben 61,7 Prozent der befragten pflegenden Angehörigen an, dass ihnen durch die Pflegetätigkeit bewusster geworden ist, welche Werte ihnen im Leben wichtig sind. Mehr als die Hälfte berichtet, dass sie viel dazu gelernt haben, während 41 Prozent angeben, ihre Zeit besser organisieren zu können. Zudem berichten viele von mehr Geduld, Reife, Wertschätzung durch andere Menschen und einer insgesamt positiveren Lebenseinstellung. Interessanterweise treten diese positiven Zugewinne unabhängig von der empfundenen Belastung oder der Dauer der Pflege auf.
In Deutschland lag der Fokus in Studien bisher stark auf den Belastungen, doch beispielsweise die ZipA-Studie von 2020 zeigt, dass 17 Prozent der pflegenden Angehörigen ihre Pflegesituation nicht als belastend empfinden. Zudem profitieren auch die Gepflegten: Untersuchungen des Deutschen Zentrums für Altersfragen ergaben, dass Menschen ab 80 Jahren mit Demenz, die zuhause gepflegt werden, eine höhere Lebensqualität und weniger depressive Symptome aufweisen als jene in stationären Pflegeeinrichtungen.
Pflegende Angehörige sind eine unverzichtbare Stütze unserer Gesellschaft und verdienen mehr Unterstützung sowie Entlastung. Neben praktischen Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen sollte auch der Fokus auf die positiven Aspekte der häuslichen Pflege verstärkt werden. Dies könnte nicht nur die Bereitschaft zur Übernahme von Pflegeaufgaben durch Angehörige erhöhen, sondern auch langfristig dazu beitragen, die angespannte Situation im Pflegesektor in Deutschland zu entschärfen.
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Beitragsbild: shutterstock/pikselstock

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